05. Februar 2010
Special
«Man kommt nicht umhin zu fragen, ob eine Befriedung Afghanistans als demokratische Republik unter sowjetischer Vorherrschaft für die Menschen dort nicht doch der bessere Weg gewesen wäre. Besser als blutiger Bürgerkrieg und die fortschreitende Destabilisierung der Region», wundert sich Thomas Steffen aus Berlin in der Leserbriefspalte des aktuellen Der Spiegel (Nr.5/2010). Der Tenor seines Leserbriefs passt zum in modernen Debatten in Mode gekommenen Verzicht auf Fakten.
Das Hamburger Magazin haut derzeit Woche für Woche einen Brandbrief nach dem anderen zum Thema Afghanistan heraus und nimmt es dabei mit der Wahrheit nicht so genau. So fragen die Autoren des neuesten «Enthüllungsberichts» zur «Kundus-Affäre» empört, «welche Macht der Welt die zwei versunkenen Tanklaster aus dem Sand hätte befreien sollen», und stellen dergestalt die offizielle Bundeswehrversion infrage, dass die Tank- lastwagen als rollende Bomben eine Bedrohung dargestellt hätten.
Laut dem Feldjägerbericht zu dem folgenreichen Vorfall am 04. September 2009, ging der «Kdr PRT», also der verantwortliche Oberst Georg Klein, «zusätzlich von einer unmittelbaren Bedrohung durch ggf. gegen das PRT eingesetzte Pickups aus, die an Ort und Stelle mit dem Betriebsstoff als fahrende Bomben präpariert und gegen PRT KDZ und ANSF eingesetzt werden konnten», wie es in gestelztem Militärdeutsch auf Seite 3 des Berichts vermerkt ist. In anderen Worten: Nach und nach hinzugekommene Aufständische auf Pickups waren die Bedrohung, nicht die festgefahrenen Laster. Die Frage ist, warum Der Spiegel das unterschlägt.
Genauso hantiert dieser exemplarisch für «kritische Stimmen» stehende Thomas Steffen aus Berlin mit Fakten, von denen er offenkundig keine Ahnung hat. Diese sowjetische Vorherrschaft, die Steffen als vielleicht «besseren Weg» bezeichnet hat, kostete durch das blindwütige Morden der Sowjets bis zu 2.000.000 Menschen das Leben. Dagegen nimmt sich die Zahl der zivilen Todesopfer im aktuellen Konflikt beinahe harmlos aus: In den vergangenen neun Jahren sind rund 30.000 Menschen im Afgha- nistankrieg umgekommen, das Blut einer großen Mehrheit davon klebt an den Händen der Aufständischen.
In einer alles andere als einseitigen Abhandlung nimmt der österreichische Standard die Taliban ins Visier. Eine Journalistin des Wiener Blatts reiste unlängst ins Swat-Tal in den North Western Frontier Provinces von Pakistan, jener Gegend, aus der paschtunische Gotteskrieger derzeit Krieg und Verwüstung in die Berge, Ebenen und Städte Afghanistans und Pakistans tragen. Hier zeigt sich, was man in Zentralasien wirklich von den Taliban hält; und es zeigt sich auch, wie weit die Wahrnehmungsschere zwischen westlicher und östlicher Hemisphäre auseinanderklafft.
Die allererste Feststellung, die Eva Maria Teja Mayer im Swat macht, ist, dass «Taliban nur noch ein Schimpfwort ist». Die Menschen in den Stammesgebieten hegen einen Groll gegen die Kämpfer, die großes Leid über ihr Tal gebracht haben. Dieser Groll ist so groß, dass paschtunische Stämme den meist ebenfalls paschtunischen Taliban in einem beispiel- losen Schritt das Gastrecht verweigern und in Laschkars, Selbstschutz- milizen,
auf die Dschihadis Jagd machen. Dieser Groll ist so groß, dass selbst religiöse Eiferer, die den «Heiligen Krieg» gegen den Westen befür- worten, die Taliban nur noch als Verbrecher ansehen.
Taliban-Militante hängen einen Mann, der ein «zionistischer Spion» gewesen sein soll
Nicht nur in Pakistan sind die Gotteskrieger nicht mehr wohl gelitten. In Afghanistan hat sich der Shinwari-Stamm, eine der größten und mächtig- sten paschtunischen Volksgruppen im Osten des Landes, nun demonstrativ auf die Seite der afghanischen Zentralregierung gestellt. «Die Taliban versuchen, unseren Stamm zu zerstören, sie stehlen unser Geld, sie nehmen uns unsere Söhne weg», sagt Malik Niaz, ein Shinwari-Ältester, der New York Times, und droht: «Wenn sie uns weiter herausfordern, werden wir sie vernichten». Die Shinwari warnen sogar, sie würden jedes Haus niederzubrennen, in dem einem Talib Obdach gewährt werde. Allerdings geraten auch Unschuldige ins Visier der Anti-Taliban-Koalition, wenn sie aus persönlichen Motiven denunziert wurden.
Diese Spirale der Gewalt ist symptomatisch für den Krieg am Hindukusch. Die nicht minder rüde Taktik der amerikanischen und pakistanischen Gegenoffensive, das gezielten Töten von bislang rund 50 Taliban-Anführern durch ferngesteuerte Kampfdrohnen mit fast 700 zivilen «Kollateral- schäden», droht sich bereits als kontraproduktiv zu erweisen. Zwar wurden die Aufständischen dadurch wahrhaftig geschwächt, aber die Furcht vor den Drohnen und die Wut über die vielen zivilen Todesopfer wachsen in Pakistan. Denn die Menschen fühlen sich aufgerieben in dem Konflikt, der von den Taliban mit noch kompromissloserer Härte geführt wird: 3.500 Menschen haben sie im vergangenen Jahr in Pakistan getötet.
In Afghanistan kommen weitere 1.620 Tote dazu - zusammengerechnet sind das beinahe achtzig Prozent der zivilen Toten auf dem zentralasiatischen Kriegsschauplatz. Doch während es sich bei den von westlicher Seite verursachten zivilen Toten hauptsächlich um unbeabsichtigte oder schlimmstenfalls in Kauf genommene Opfer handelt - was nach Völkerrecht leider durchaus legitim ist - morden die Aufständischen hingegen wahllos und begehen Verbrechen, die trotz ihrer Ausmaße im Westen kaum ein Echo finden, obwohl dies dringend nötig wäre.
So begingen die Krieger Allahs Giftgasanschläge auf Mädchenschulen, überschütteten Mädchen und Frauen für die bloße Inanspruchnahme von Grundrechten mit Säure, ermordeten Lehrer, Dorfälteste und Ärzte. In ihrem blinden Hass gegen «westliche Einflüsse» erschossen sie selbst Kinder, bloß weil Ausländer ihnen einen Dollar-Schein zugesteckt hatten. Bei einem Überfall auf einen Reisebus wurden gänzlich grundlos 31 Fahr- gäste von den Taliban lebendig enthauptet.
Und wer sich fragt, wie es zu «Kollateralschäden» durch westliche Militär- aktionen überhaupt kommen kann, sollte nur einmal die ellenlange Liste von Vorfällen durchgehen, bei denen Aufständische Zivilisten als Geiseln nahmen und zwangen, menschliche Schutzschilde zu bilden - der traurige Rekord liegt bei 2.000 solcher Geiseln in der Ortschaft Pir Baba im vergangenen Mai. Dass solche Vorgehensweisen nicht stärker verurteilt werden, ist eine Schande. Strafanzeigen gegen Oberst Klein haben übereifrige Mitbürger schon gestellt. Hat irgendjemand daran gedacht, gegen einen Talibananführer Strafanzeige zu stellen?
Der Vollständigkeit halber - 09. Februar 2010
Thomas Steffen hat mich darauf hingewiesen, dass sein Leserbrief in Der Spiegel stark gekürzt veröffentlicht worden ist. Im Folgenden also der Gesamttext, der Vollständigkeit halber…
«Einen wesentlichen Aspekt unterschlägt Ihr ansonsten sehr informativer Beitrag. Im Gegensatz zur Sowjetunion steht den USA und ihren Verbün- deten keine zynisch kalkulierende Großmacht gegenüber, die aus rein geostrategischen Überlegungen heraus die feindliche Guerrilla massiv mit Geld und Waffen unterstützt. Vielmehr spielen die aktuellen Gegenspieler des Westens - Russland und VR China - eine konstruktive Rolle beim Wiederaufbau Afghanistans. Selbst der stets gescholtene Iran hatte seinen Anteil beim Sieg über die Taliban. Man kommt beim Lesen des Artikels deshalb nicht umhin zu fragen, ob eine Befriedung Afghanistans als Demokratische Volksrepublik unter sowjetischer Vorherrschaft für die Menschen dort vielleicht doch der bessere Weg gewesen wäre. Besser als ein 30jähriger blutiger Bürgerkrieg mit Millionen Toten, besser als die fortschreitende Destabilisierung der Region und besser als das Aufkommen von El-Kaida und den daraus resultierenden Folgen für die gesamte Welt. Im Übrigen erdreistete sich die Sowjetführung nicht, von den Osteuropäern einen Beitrag zum damaligen Krieg zu fordern. Auch kamen Moskaus Statthalter in Ost-Berlin, Prag und anderswo nicht auf die Idee, mit eigenen Truppen und im vorauseilenden Gehorsam den real existierenden Sozia- lismus am Hindukusch zu verteidigen.»
Weiterblättern: Zitate #4
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