30. Juni 2009 - von www.noergelecke.blogsome.com
„Wir sind hier nicht im Krieg. Deswegen müssen wir auch keinen Krieg gewinnen“, sagte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung vor den Journalisten. Sein Gastgeber allerdings war über diese Wortwahl nicht erfreut. General David McKiernan, damals Kommandeur der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe für Afghanistan, erklärte mit einem konsternierten Seitenblick: „Wir sind hier im Krieg“. Diese Episode trug sich vor gut einem Jahr zu, als deutsche Truppen in Afghanistan die Erfahrung, wie die umgekämpften Teile des vom Krieg geschundenen Landes aussehen, noch vor sich hatten. Vielleicht hätten die Deutschen den Worten des neuen United States Central Commander General David Petraeus – einem Mann, der mit der Situation in Afghanistan sehr gut vertraut ist – mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. „Ich würde nicht sagen, dass die Deutschen nicht kämpfen“, sagte Petraeus in einem Interview mit der Tageszeitung Die Zeit. „Sie werden kämpfen, wenn sie müssen“. Zweifelsohne ist der Aufstand der radikalislamischen Taliban nun in Nordafghanistan angekommen. Während deutsche Soldaten in wilden Gefechten um ihr Leben kämpfen, tragen ihre politischen Vorgesetzten und Auftraggeber ein Gefecht der Worte aus. „Wenn wir sagen wir sind im Krieg, verkennen wir dass unsere Strategie eine andere ist“, so Minister Jung. Andere Politiker pflichten ihm bei. Wieder andere jedoch wiesen seine Worte als „semantische Spitzfindigkeiten“ zurück. Unter ihnen war Reinhold Robbe, der Wehrbeauftragte des deutschen Bundestags. Nach einem Besuch in Kunduz sagte Robbe: „Die Soldaten sagen mir ‚Herr Wehrbeauftragter, wir bauen zurzeit keine Brücken und bohren keine Brunnen. Wir sind hier im Krieg!’“.
(+) Der grüne Gürtel zwischen Kunduz und Chahar Darreh ist nun beinahe täglich Schauplatz blutiger Gefechte zwischen deutschen Soldaten und den Taliban
Die Provinz Kunduz ist ein Anachronismus in der alliierten Kampagne gegen die Taliban. Eine Region, die die deutsche Regierung vor nur einem Jahr noch als befriedet pries, hat sich in ein Kriegsgebiet verwandelt in dem deutsche Soldaten kaum die Sicherheit ihres eigenen Feldlagers aufrechterhalten können. Zur Abwendung dieser Situation hätte es nur der jetzt endlich aufgegriffenen Taktiken bedurft. Es scheint aber, als hätten die Taliban erst Angela Merkel nach dem Leben trachten müssen. Der Angriff auf das deutsche Camp nur Minuten nach der Abreise der Kanzlerin versetzte die Bundesregierung in helle Aufregung. Von da an konnten die Granden in Berlin und Bonn nicht mehr die Augen vor der kritischen Situation verschließen. So genannte Foreign Fighters aus Usbekistan, Pakistan und so weit entfernten Ländern wie Tschetschenien waren in der Provinz eingetroffen, und auch die Taliban hatten einen neuen Ansatz. Bis heute sind deutsche Truppen des PRT Kunduz allein in diesem Jahr in zwanzig stundenlange Gefechte verwickelt worden – verglichen mit nur drei im letzten Jahr. Immer öfter suchen die Taliban den Nahkampf mit den Deutschen. Am 7. Juni zum Beispiel geriet eine mechanisierte Einheit in einem Hinterhalt im aufständischen Distrikt Chahar Darreh, wobei zwei deutsche Soldaten angeschossen wurden. Fünfzehn Minuten Gefecht vergingen, bevor sie von ihren Kameraden überhaupt gerettet werden konnten: Einige der Angreifer waren nämlich bis auf zwanzig Meter herangekommen.
(+) Bisher die einzigen Bilder von den Gefechten, die die Bundeswehr in Afghanistan durchzustehen hat; Im Hintergrund steigt, nur schwer erkennbar, eine Rauchsäule auf. Unten: Eine A-10 der US-Armee kommt bedrängten deutschen Soldaten zur Hilfe (vom deutschen Feldlager aus gesehen)
Allerdings waren die Deutschen nicht die einzigen, die die Lage in Kunduz fatal unterschätzten. Im vergangenen Jahr strich die afghanische Regierung 537 Polizeistellen zusammen. Ein Areal von rund 900 Quadratkilometern ist nun ohne permanente Polizeipräsenz. Die Insurgenten haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Sie genießen nun beinahe Straf- und Bewegungsfreiheit in Chahar Darreh. Bislang konnten nicht einmal 1′100 deutsche Soldaten sie dabei behindern. Das liegt zum Teil sicher an dem Mandat der Soldaten, die tödliche Gewalt nicht anwenden dürfen solange sie nicht angegriffen werden oder ein Angriff zumindest unmittelbar bevorsteht. Die schiere Stärke feindlich gesinnter Kräfte in der Region ist aber auch nicht zu unterschätzen. Die Taliban behaupten, „hunderte“ kampfbereite Krieger in der Region zu haben. Während ihre Behauptungen oftmals maßlos übertrieben sind, könnte diese allerdings sich als wahr erweisen. Denn Deutsche Soldaten haben zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften und einigen kleinen belgischen und kroatischen Einheiten dem Gegner vergleichsweise schwere Verluste beigebracht. 34 Taliban sind getötet worden seit die Serie konzertierter Aktionen begann, 20 weitere wurden verwundet und 55 gefangen genommen – und das ist die vorsichtigste Schätzung!
Dennoch haben die Angriffe der Taliban nichts von ihrer Intensität verloren. Am 23. Juni beispielsweise wurde eine große Einheit deutscher und afghanischer Soldaten von einer mindestens halb so großen Gruppe Aufständischer angegriffen. Im Zuge eines Ausweichmanövers rutschte ein deutscher Transportpanzer in einen Wassergraben und überschlug sich. Wegen dem starken Feindfeuer mussten die Soldaten hilflos mit ansehen wie drei ihrer Kameraden ertranken. Auch wurden drei Taliban getötet und eine unbekannte Anzahl weiterer verwundet. Andere Konfrontationen resultierten aber in noch mehr Toten. Am 4. Juni umzingelte eine deutsche Einheit eine Gruppe Aufständischer, die dabei gewesen war einen Hinterhalt vorzubereiten. Fünf Stunden später hatten die Deutschen zehn Taliban ohne eigene Verluste getötet. Einen Monat zuvor hatte man bereits einen anderen erbitterten Kampf um die gleichen grünen Felder und sandigen Gehöfte geführt. Dieser hatte 24 Stunden gedauert und mehr als zwanzig Taliban lagen am Boden als die Waffen endlich schwiegen. Ein kleines, lächerliches Detail am Rande: Den erfolgreichen Truppen wurde befohlen, ihren Erfolg am Swimmingpool des Camps zu feiern. Aber: Sie dürften selbstredend nicht vom Beckenrand springen. Das ist deutsche Reglementierungswut.
Afghanische Polizisten begutachten die Leichname zweier von deutschen Soldaten getöteten Extremisten
Die jüngsten Entwicklungen in Kunduz stellen die Bundesregierung allerdings vor ein massives Problem. Kanzlerin Merkel und ihr Vize, Frank-Walter Steinmeier von den rivalisierenden Sozialdemokraten, wollen beide in den kommenden Bundestagswahlen gewählt werden, aber die sich verschlechternde Sicherheitslage in Afghanistan gießt Öl in die Feuer der Kräfte, die gegen den Einsatz sind. Berlin hat entschieden neue Truppen in die Region zu entsenden, die vor allem die afghanischen Präsidentschaftswahlen im August absichern sollen. Bis zu 4′500 Soldaten werden dann im Einsatz sein. Allerdings bedeutet das noch keinen Paradigmenwechsel. Merkel, Steinmeier und Jung weigern sich nach wie vor, den deutschen Soldaten schweres Gerät in die Hand zu geben, obwohl sich zurzeit dementsprechende Forderungen häufen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums tat diese als „von Hobbystrategen“ vorgebracht ab. Das ISAF-Kontingent verfüge über alles was es brauche und jede Anforderung sei sowieso vom „Einsatzprofil“ und der „Einsatzphilosophie“ abhängig, was immer letzteres bedeuten soll. Nun, sie können es nicht „Krieg“ nennen. Das ist offenkundig im Wahljahr . Sie können das Engagement nicht so ausweiten, wie es ausgeweitet werden müsste. Allerdings müssen sie es ausweiten, da ein Fehlschlag möglicherweise unmittelbar bevorsteht: Die Taliban haben schon mit einer „Schlacht um Kunduz“ gedroht. Längst sagen Deutsche Soldaten, Kunduz sei an die Taliban verloren, wenn nicht bald etwas geschehe.
Hier, in der einzigen paschtunischen Hochburg im Nordsektor, wollen sie eine Wende erzwingen nach langen Jahren, in denen es ihnen nicht gelang in anderen Landesteilen, wo zehntausende alliierte Soldaten ihren Bestrebungen mit großem Blutzoll entgegenstehen, einen entscheidenden Sieg herbeizuführen. Und während eine richtige Schlacht noch unwahrscheinlich erscheint, befürchten deutsche Geheimdienstler bereits, dass die Aufständischen die für August angesetzten Präsidentschaftswahlen massiv behindern könnten. Und immer noch realisiert die deutsche Öffentlichkeit nicht, was die Aufgabe ihrer Soldaten in Afghanistan ist. Die Regierung trägt an diesem Kommunikationsproblem Schuld, weil es ein Fakt ist dass uns die Taliban durch Angriffe auf unsere Soldaten wankelmütig machen wollen. Je lauter die Rufe nach einem Abzug werden, desto mehr gefährden wir unsere Soldaten. Und die Afghanen, wie der frühere UNAMA-Chef Tom Koenigs bemerkte: Zögen wir ab, würde dasselbe passieren wie 1989, nämlich blutige Massaker und Racheakte durch „rivalisierende Warlords“. Allerdings wird an anderer Stelle viel mehr offenbar, wie sehr die Vorfälle der Regierung zu Denken geben: Denn diese erwägt nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung jetzt, die Rules of Engagement der Bundeswehr kräftig zu liberalisieren. Im Fokus steht vor allem die Gewaltanwendung gegen mögliche Feinde, die noch keinen Angriff gestartet haben, und der Schusswaffengebrauch gegen Aufständische, die bereits flüchten. Im Klartext: Eine Erlaubnis, die Taliban immer anzugreifen. Der Hintergrund ist denkbar einfach. Die Einsatzregeln der Deutschen entsprechen zurzeit nicht einmal dem Völkerrecht, das den Soldaten weitreichendere Befugnisse einräumen würde.
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