Bombenangriff in Kundus: Überbordendes Unwissen
07.09.2009
Nachtrag: Einen aktualisierten Faktencheck (13-12-09) gibt es hier.
Der in der Nacht des dritten September im afghanischen Kundus von der Bundeswehr befohlene Bombenangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen hat den von den Regierungsparteien Union und SPD am liebsten totgeschwiegenen Afghanistankrieg vollends in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die halbe Welt, darunter auch namhafte Politiker aus dem Ausland und Afghanistans Präsident Hamid Karsai überschütten die deutsche Militärführung mit Kritik – obwohl bislang ganz offenkundig keiner eine Ahnung hat, was genau passiert ist.
Presse und Politik sind am Rudern. Dummdreist schreibt die Junge Welt, es sei noch unklar, ob überhaupt Talibankämpfer unter den Toten seien. Die Süddeutsche lästert unreflektiert über den deutschen Befehlshaber Georg Klein als „unfähig“. Linke Blogger zerreißen sich erst Recht die virtuellen Mäuler. Der ehemalige WASG-Politiker Daniel Neun von Radio Utopie haut etwas von einem „faschistischen Massenmord“ in die Tasten. Und schon werden sogar Stimmen laut, die den Rücktritt von Verteidigungsminister Jung fordern.
Zu widersprüchlich sind die verfügbaren Angaben, zu widersprüchlich die Presseberichte, zu widersprüchlich die Absichten der einzelnen Akteure - nicht zuletzt die der amerikanischen ISAF-Führung unter General Stanley McChrystal, der eine absolut undurchsichtige Politik betreibt und augenscheinlich versucht, alle Schuld auf die Deutschen abzuwälzen. Nachstehend sollen deshalb einige Fakten in einer Chronologie der Ereignisse festgehalten werden.
Donnerstag, 03.09.2009, 21:12 Uhr: Die Bundeswehr erfährt, dass Talibankämpfer an einer Straßensperre zwei Tanklastwagen entführt und deren Fahrer an Ort und Stelle durch Enthauptung ermordet haben. Da Hinweise vorliegen die Taliban könnten mit einer VBIED (vehicle born improvised explosive device, Fahrzeuggestützte improvisierte Bombe) eine afghanische Polizeistation oder sogar das PRT angreifen, werden Gegenmaßnahmen eingeleitet.
Donnerstag, 03.09.2009, 23:14 Uhr: Ein amerikanischer Bomber vom Typ B-1B Lancer macht die Tanklastwagen 6 Kilometer südwestliches des PRT Kundus in einer Furt des Kundus-Flusses aus. Die Piloten melden die Sichtung einer großen Menschenmenge mit vielen bewaffneten Personen.
Donnerstag, 03.09.2009, 23:29 Uhr: Die B-1B dreht ab, um aufzutanken.
Donnerstag, 03.09.2009, 23:49 Uhr: Zwei amerikanische Jagdbomber vom Typ F-15E Strike Eagle treffen über Kundus ein. Sie kreisen über den in der Furt liegen gebliebenen Tanklastwagen und funken Livebilder ins Lagezentrum des PRT. Eine vom PRT-Kommando als „sehr zuverlässig“ eingestufte Quelle bestätigt, dass es sich „ausschließlich“ um bewaffnete Personen handelt. Die Glaubwürdigkeit seiner Angaben wird durch die namentliche Nennung von vier sich angeblich vor Ort befindlichen Taliban-Anführern untermauert, die später tatsächlich in dem Bombardement sterben.
Freitag, 04.09.2009, 01:39 Uhr: Nach Abschätzung der Lage erteilt der Kommandeur des PRT, Oberst Georg Klein, den Piloten die Genehmigung, die Tanklastwagen anzugreifen.
Das sind die einzigen bisher belastbaren Fakten.
Strittig ist allerdings die Zahl der zivilen Todesopfer, die zwischen 0 und etwa 40 schwankt. Die Bundeswehr räumt mittlerweile zwar ein, dass Zivilisten zu Schaden gekommen sein könnten, spricht aber nicht von Toten. Ein Untersuchungsteam berichtet laut der Washington Post von etwa 24 toten Zivilisten bei einer Gesamtzahl von 135 Todesopfern. Andere Angaben gehen von 56 toten Aufständischen und 40 toten Zivilisten aus. ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal hat entgegen anderslautender Behauptungen in der Presse nicht zugegeben, dass Zivilisten getötet worden seien.
Bei der Beurteilung der Lage gilt es allgemein zu beachten:
1. Die Angaben der Taliban zu jedweden Ereignissen in Afghanistan sind in der Regel maßlos übertrieben und verfälscht.
2. Die Angaben der ausländischen Truppen sind lagebedingt auch nicht immer korrekt oder bisweilen bewusst verzerrt.
3. Die Angaben afghanischer Behörden stützen sich hauptsächlich auf Zivilpersonen oder Funktionäre vor Ort. Erstere übertreiben nachweislich bisweilen Opferzahlen, um Kompensationen zu erhalten, Letztere gelten oftmals als korrupt oder voreingenommen.
Es lohnt sich aber auch eine gesonderte Betrachtung einzelner Aspekte:
1. Der Angriff fand um zwei Uhr nachts statt. Nach einhelliger Meinung lokaler Offizieller und von Bundeswehrsoldaten mit Ortskenntnis ist das keine Zeit, zu der sich Zivilisten aus dem Haus begeben hätten. Zwar könnte sich durch den vom Fastenmonat Ramadan bedingten geänderten Tagesablauf erklären, dass Zivilisten zu jener Stunde noch wach waren. Doch die Furt, an der der Luftschlag erfolgte, liegt vier Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Berichte von angeblichen zivilen Opfern, sie hätten Lärm gehört und seien nachsehen gegangen, können deshalb als unglaubwürdig gelten.
2. Die Taliban haben in der Vergangenheit oftmals Personen zur Bildung menschlicher Schutzschilder gezwungen. Ob hier ein menschliches Schutzschild um die liegen gebliebenen Lastwagen erzwungen wurde, ist zwar nicht belegt. Allerdings bestätigt die Tatsache die These, dass die Taliban auch bewusst Zivilisten in Gefahr gebracht haben könnten.
3. Nach eigenen Angaben hätten die Taliban die Menschen aus der nahen Ortschaft dazu aufgerufen von den Tanklastwagen Benzin abzuzapfen, um sie so wieder flott zu bekommen. Zeugen berichten aber auch, dass die Taliban sie mit vorgehaltener Waffe zur Mithilfe gezwungen hätten.
4. Die Bedrohung durch eine so genannte VBIED ist real. Mehrfach wurden diese fahrenden Bomben von den Taliban oder Aufständischen im Irak verwendet.
5. Die Online-Tagesschau präsentiert als Beweis für die mögliche Schädigung von Zivilisten ein Foto vom Ort des Geschehens, das einen Eselkadaver und gelbe Plastikkanister zeigt – keine zwanzig Meter von den Lastwagen entfernt. In Anbetracht der Explosionswirkung der abgeworfenen Bomben, die durch die vielen tausend Liter Treibstoff in den Tanks nur verstärkt wurde, und den schweren Brandwunden der gefundenen Leichen, hätte der Kadaver verkohlt und die Plastikkanister geschmolzen sein müssen.
6. Trotz der internationalen Kritik haben lokale Offizielle das Vorgehen der Bundeswehr verteidigt. Die Washington Post zitiert einen namentlich nicht genannten Beamten, der die Einschätzung, dass viele Zivilisten zu Schaden gekommen seien, überhaupt nicht teilt. Auch der Vorsteher des Provinzrats von Kundus, Ahmadullah Wardak, kritisierte die Bundeswehr als zu lasch gegenüber den Taliban und erklärte gar, weitere Angriffe dieser Größenordnung müssten jetzt folgen um die Stabilität wieder herzustellen. Abu Muqawama berichtet, dass die örtliche Bevölkerung nicht wegen den zivilen Todesopfern verärgert sei, sondern weil die ISAF nicht genug gegen die Taliban unternehme.
7. Der offiziellen afghanischen Untersuchung zufolge sind bereits mindestens 30 der Toten zweifelsfrei als Taliban identifiziert worden. In Anbetracht der schon genannten Argumente, die gegen die freiwillige Anwesenheit von Zivilisten in jener Gegend um jene Tageszeit sprechen, glaubt man, die restlichen Toten seien ebenfalls Talibankämpfer oder deren Verwandte und Freunde.
Die Art und Weise, wie die Amerikaner zurzeit mit ihren deutschen Verbündeten umgehen, wirft einige Fragen auf. Anscheinend gedenkt McChrystal vor allem, seinen im Sommer verkündeten Kurs, der Zivilisten um jeden Preis schonen soll, als zu hundert Prozent durchgesetzt darzustellen. Die Tatsache, dass sich der ISAF-Kommandeur höchstpersönlich noch am Morgen nach dem Vorfall nach Kundus begeben und einem ausgesuchten Reporter erlaubt hat ihn zu begleiten und geheime Informationen einzusehen, ist ungewöhlich. Die von McChrystal lancierten Details wurden zwischenzeitlich von deutschen Offizieren in selten deutlichen Worten als „Frechheit“ zurückgewiesen. Beobachter mutmaßen, dass der Vorfall und die zeitgleiche Stationierung von über 300 US-Soldaten im deutschen Verantwortungsbereich einen Zusammenhang haben und dass die US-Regierung versuchen könnte, das deutsche Engagement durch Misskredit zu einem Ende zu bringen und in Kundus selbst das Ruder zu übernehmen.
Weiterblättern: Anti-AIDS-Kampagne: Selbst da wird gegutmenschelt








Guter Fund! Das wäre mir gar nicht aufgefallen!Comment von Manu — 07.09.2009, 16:56:01 @ 16:56
Ich sag (schreib) es noch einmal: Mir gefällt gar nicht, was für Auswirkungen dieser Vorfall auf den Wahlkampf hat. Da passt was nicht ins Lot.
Comment von Lea — 07.09.2009, 18:45:40 @ 18:45
Gute Zusammenstellung…
Comment von Art — 07.09.2009, 20:16:55 @ 20:16
Sollte man zur Pflichtlektüre für die ganzen Besserwisser da draußen machen!
Comment von Breda — 07.09.2009, 23:26:42 @ 23:26
Dem deutschen Oberst, der lieber seine Männer schützen als zusehen wollte, wie diese Irren einen mit Sprengstoff beladenen LKW in sein Lager fahren, gehört halt echt ein Orden verliehen.
Man muss eben Mal die Augen öffnen und darf sich nicht immer ideologisch motivierten Betrachtungen unterwerfen!!
Comment von Manu — 07.09.2009, 23:56:06 @ 23:56
Zitat :”Nach ersten Untersuchungen kommt die Nato zu dem Ergebnis, die Bundeswehr habe mit dem Befehl für den Luftangriff bei Kundus ihre Kompetenzen überschritten.”
Deutsche Soldaten raus aus Afghanistan, sollen die Kritiker ihren Mist selber machen
Comment von Felix — 10.09.2009, 10:23:53 @ 10:23
….hier schreibt jemand, der scheinbar fundiertes wissen über diesen vorfall besitzt; mir ist nicht klar woher dieses wissen stammt.
ich kann nicht verstehen warum jetzt jeder heult….da ist krieg….und im krieg sterben auch leider menschen.
was wäre, wenn diese tanklaster gegen eine öffentliche einrichtung als bombe genutzt worden wäre…….dann hätte man den verantwortlichen offizier aber mächtig auf die füsse getreten und ihn als unfähig vom dienst abgelöst.
was soll diese diskusion??
ich möchte nicht wissen was passiert, wenn da alle soldaten abgezogen werden;
Comment von xphantomasx — 31.10.2009, 14:44:52 @ 14:44
Eine umfassende Einschätzung, gute Arbeit. Mit einem heftigen Widerspruch:
Zuerst soll das nächste Dorf 4km entfernt gewesen sein, woraus geschlossen wird, dass Zivilisten aus der Umgebung kaum herbeigeströmt sein könnten. Soweit schlüssig.
Aber:
Zwei Absätze weiter sollen die Taliban uU. Zivilisten aus der “nahen Ortschaft” entweder aufgefordert haben, Sprit abzuzapfen oder sie gar per Waffe zum Mitmachen gezwungen haben. 4km Fußmarsch zum nächsten Dorf - Rekrutierung (wie auch immer) der Zivilbevölkerung - 4km Rückmarsch. Das klingt wenig plausibel, allein wenn man den Zeitbedarf bedenkt und nicht noch erschwerend davon ausgeht, dass die 4km nur per Luftlinie gemessen wurden.
Ein Blick auf Google Earth zeigt 6km plus/minus 4km südlich der Flugplatzes Kundus, der vermutlich Standort des PRT ist, ein relativ dicht besiedeltes fruchtbares Flusstal. Sofern man das als eine Ortschaft bezeichnen kann, ist einen lockere Verteilung von Häuser- oder Hofgruppen deutlich zu erkennen. Teilweise reichen sie bis an den Fluss heran. Zivilisten waren also sehr viel näher dran als 4km, auch wenn die genauen Koordinaten (wären ja mal interessant) mir nicht bekannt sind. Die Behauptung ist also unglaubwürdig und ebenfalls eher interessengesteuert in die Welt gesetzt worden.
Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass Zivis gern mal nachts 300, 500 oder 800 Meter laufen, wenns Benzin umsonst gibt.
Damit habe ich NICHT Stellung genommen zu der Frage, ob man eine Gefahr erst dann bekämpfen darf, wenn keine Zivis in der Nähe sind.
Comment von Tomcat — 05.11.2009, 00:34:43 @ 0:34
zwischenzeitliche Präzisierung:
Nach div. bildlichen Darstellungen der Location (u.a. Spiegel online) saßen die Tanker auf dieser Sandbank fest:
N36 6.846 E68 52.623
Die nächste Ortschaft liegt nordöstlich davon, Ortsrand 800m Luftlinie entfernt vom Geschehen. Wege führen zum Fluss.
Das mit den angeblichen 4km ist wahrscheinlich auch nur eine interessengesteuerte Falschinfo. Kriegt denn niemand mal eine distanziert-sachliche Zusammentragung von Bekanntem und Vermutetem zusammen?
Comment von Tomcat — 06.11.2009, 22:05:17 @ 22:05
Ich verweise auf den Faktencheck nach Stand 12/09: Link
Comment von Noergler — 15.12.2009, 01:36:32 @ 1:36