Bombenangriff in Kundus: Warum die „gute Stimmung“, Herr Wardak?

08.12.2009

Es ist erstaunlich, dass die deutsche Bundesregierung den vielfachen Spe- kulationen um mögliche Verfehlungen der Bundeswehr bei einem Bombenangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen nahe Kundus nicht einfach den Riegel vorschiebt, indem sie alle Dokumente zu dem Vorfall freigibt und der Öffentlichkeit die Bewertung überlässt. Sie scheint nicht zu begreifen, was für eine verhängnisvolle Entwicklung die fehlerhafte Informationspolitik des Verteidigungsministeriums losgetreten hat. Um es mit einem Sprichwort zu formulieren: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. 

Gerade die bislang zurückgehaltenen Informationen könnten aber von allergrößtem Interesse sein. So soll beispielsweise jener ominöse „Feld- jäger-Bericht“, der noch am 4. September von Militärpolizisten erstellt wurde die die Gegend um Haji Saki Dedby besuchten und eine Lage- analyse vornahmen, nach Angaben von Insidern die Bundeswehrführung schwer belasten. Die Hannoversche Allgemeine zitiert den Bericht und nennt tatsächlich eine Reihe von Verfahrensfehlern, Pannen und Verstöße gegen die Einsatzvorschriften.

So konnte der PRT-Kommandeur, Oberst Georg Klein, seine Operations- zentrale telefonisch nicht erreichen. Danach unternahm aber niemand mehr den Versuch, mit den Offizieren des nur wenige hundert Meter entfernt untergebrachten OCC in Kontakt zu treten. Auch sei der Rechts- berater des PRT nicht hinzugezogen worden. Als die Tanklastwagen in Flammen aufgingen, lag der Mann schlafend in seinem Bett. Die not- wendige Untersuchung sei viel zu spät in Gang gebracht worden - dazu muss man wissen, dass das PRT zu jenem Zeitpunkt eine Operation im 60 Kilometer entfernten Distrikt Imam Sahib durchführte, und vermutlich keine Kräfte parat hatte. 

Doch dem Bericht lassen sich noch ganz andere Dinge entnehmen. So heißt es beispielsweise, dass „zahlreiche Dorfbewohner aus der Nähe und afghanische Soldaten“ sich „bei guter Stimmung“ in den Bombentrichtern „tummelten“. Man habe den deutschen Ermittlern zu ihrem „Erfolg“ gratuliert und sogar Geschenke überreicht. Eine trauernde, wütende Bevölkerung sieht anders aus. Zwar wurden die Ermittler tatsächlich in der Nähe von Ground Zero beschossen - doch das beweist nur, dass weiterhin Aufständische in der Gegend aktiv waren, etwas, das nach Monaten harter Kämpfe im PRT kein Geheimnis mehr war. 

Bei den anschließenden Gesprächen mit Dorfältesten sprachen diese von einem „wirkungsvollen Schlag“, der „längst überfällig“ gewesen sei. Einige meinten, dass es keine zivilen Opfer gegeben haben könnte. Zu nachtschlafender Zeit halte sich „kein ordentlicher Mann“ wissentlich bei Aufständischen auf. Ähnlich hatten sich danach auch andere Offizielle geäußert, unter anderem Ahmadullah Wardak, der Provinzälteste von Kundus. Dies berichtet ein Journalist der Washington Post, der das Untersuchungsteam des „sehr aufgebrachten“ ISAF-Kommandeurs Stanley McChrystal begleiten durfte und „erstaunt“ war über die „unerwartete Zustimmung“

Natürlich muss berücksichtigt werden, dass sich das Bild für alle Beteiligten nach ihren Aussagen noch geändert haben mag. Außerdem ist es gut möglich, dass ethnische Rivalitäten die mehrheitlich nicht-paschtunischen Bevölkerung von Kundus zu solchen Bewertungen gebracht haben, denn die betroffene Ortschaft liegt in einem Gebiet der paschtunischen Minderheit. Allerdings spräche ihre Freude über den Luftschlag wiederum dafür, dass die meisten der Toten Taliban oder deren Unterstützer waren. Jedenfalls stellt sich die Frage, warum sich niemand in Berlin bemüßigt fühlt, diese wichtigen Details zu kommentieren.

Die Behauptung des Rechtsanwalts Karim Popal, dass 179 Zivilisten ihr Leben verloren hätten, gerät dadurch immer mehr zur Farce. Afghanen haben nachweislich immer wieder falsche Opferzahlen angegeben, um von den Koalitionsstreitkräften oder der afghanischen Regierung eine höhere Entschädigung zu erhalten. Das ist kaum überraschend in einem Land, das von bitterer Armut geprägt ist. Allerdings haben auch die Taliban nachweislich die Zivilbevölkerung mehrfach gezwungen, falsche Angaben zu machen.

Weiterblättern: Erneut Angriff auf Polizisten in Berlin

>>>Zum Seitenanfang
>>>Zur Hauptseite  

| Bislang 4 Kommentare

Zwischen Chahar Darreh und Aden: Deutschland im ersten Kriegsjahr

03.12.2009

In den vergangenen zwölf Monaten hat in der deutschen Politik eine Veränderung begonnen, die, wenn die eingeschlagenen Pfade bis zu ihrem Ende verfolgt werden, die vielleicht folgenschwerste Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Gang treten wird: Denn im Jahr 2009 führt Deutschland wieder Krieg. Das ist nicht unbedingt eine erfreuliche Nachricht, aber dennoch eine ungeheuer wichtige: Denn dieser Staat und seine Gesellschaft basieren vollumfänglich auf Lehren, die aus einem Krieg gezogen wurden. 

Die deutsche Staatstheorie fußt auf dem Resümee jener Jahre, darauf, dass Deutschland ein passiver, außenpolitisch weitestgehend neutraler und altruistischer Staat zu sein habe, der Gewalt und sogar diplomatischen Druck nur als Ultima Ratio ansehen dürfe. Eine kleine graue Maus von einer Nation, die sich durch Nichteinmischung, Mediation und Gerechtigkeit gegenüber Jedermann hervorzutun habe. Einen Krieg zu führen bedeutet, mit allem zu brechen, was die Deutschen bewusst oder unbewusst für die Ideale und den Grundpfeiler ihrer Sicherheit und ihres relativen Wohl- stands halten. 

 

Ein Grundpfeiler? Ja und Nein. Denn Millionen sind in einem Krieg gestorben, um Deutschland eine Freiheit zu bringen, die es zuvor im Frieden aufgegeben hatte.

Doch es gibt nicht nur logische, sondern auch faktische Fehler in der hehren Staatstheorie. Was in einer isolationistischen Welt der Blöcke vorbildlich und fortschrittlich war, wird in der vernetzten Welt der Globa- lisierung schnell an Bestand verlieren. Was zu Adenauers Zeiten funktio- nierte, wird sechzig Jahre später Deutschland ins Hintertreffen bringen. Der rücksichtslose Aufstieg Chinas, das Deutschland nach eigenen Angaben vom Platz der drittgrößten Industriemacht der Erde verdrängt hat, beweist, dass nur Nationen die ihren Weg mit Entschlossenheit gehen überdauern werden können.  

Eine politische Gesundung Deutschlands ist von Nöten, die Herbeiführung einer Akzeptanz für eine Politik der Stärke, und sie wird über die Zukunft dieses Landes entscheiden. Die Zeiten, in denen man den Erfolg eines Bundeskanzlers an seinen Fähigkeiten bemisst, die Welt zum Umwelt- schutz zu animieren, werden enden. Und selbst gegenüber seinen Partnern wird Deutschland in Zukunft eine härtere Gangart fahren müssen. In einer Welt, in der jeder zuschlagen würde, kann Deutschland nicht auch die andere Wange hinhalten.

Die kriegerischen Aktivitäten dieses Landes sind die am meisten unterschätzte und doch sichtbarste Manifestation dieses politischen Pro- zesses. In den vergangenen zwölf Monaten hat Deutschland sich militärisch auf ein Niveau vorgewagt, welches man zwar noch nicht als versiert, aber immerhin als beinahe selbstverständlich bezeichnen kann. Die vehe- mente Verweigerungshaltung der Bevölkerung zeigt aber auch, dass noch viel Arbeit, viel Überzeugungsarbeit, vor den kommenden Bundes- regierungen liegt, sollten sie den derzeitigen Kurs fortführen wollen. 

Dem Namen nach führt dieses Land seit 1999 wieder Kriege. In jenem Jahr beteiligte man sich mit einer Staffel von Tornado-Kampfjets an dem Angriff der NATO auf Jugoslawien. Doch zeichnete sich ein deutscher Auto- matismus ab, stets nur den bequemsten und unauffälligsten Teil der Bürde übernehmen zu wollen. Der deutsche Beitrag bestand zwar aus Kampfeinsätzen, bei denen mit Sicherheit auch jugoslawische Soldaten gestorben sind. Doch er war der defensive Teil der Offensive. Die Tornados beschossen „lediglich“ jugoslawische Luftverteidigungsstellungen, um die eigenen Flugzeuge zu beschützen. 

Seitdem hat Deutschland sich immer die Rolle des „Force Protectors“, die des Beraters und Organisators herausgepickt, war aber mit Ausnahme leicht geheimhaltbarer Einsätze seiner Spezialkräfte nichtsdestotrotz stets darauf erpicht, nicht in die Bringschuld der Verantwortung zu geraten, die ein Militäreinsatz an vorderster Front mit sich bringt. Für eine Welt- kriegsprofilneurose und innenpolitische Erwägungen setzte man die neu gewonnene Stärke Deutschlands aufs Spiel, belegte sich mit Tabus, die anderen souveränen Demokratien fremd sind. 

Vor dem Libanon und dem Horn von Afrika ließ man Schiffe patrouillieren, die kaum mehr als sich selbst verteidigen durften. Waffenschmuggler hat die Marine dort bislang keinen einzigen gefasst. In Mazedonien schickte man sich an, bei der Entwaffnung von Rebellen zu helfen – und hatte am Ende eher mit der Vernichtung von Waffen zu tun. Im Kongo wollte man freie Wahlen garantieren, und sandte erst dann ein paar Soldaten aus, als in Kinshasa die Häuser brannten. Erste Kampfeinsätze im eigenen Einsatzgebiet in Afghanistan überließ man gar den Verbündeten wie etwa den Norwegern, und beschränkte sich zu deren Unmut auf eine passive Rolle. 

Doch vor etwa einem Jahr vollzog sich eine Wende. Im nordafghanischen Kunduz, wo die Bundeswehr derzeit fast 1.100 Soldaten stationiert hat, schlugen im Spätsommer 2008 täglich Raketen radikalislamischer Taliban ein. Mit jedem neuen Einschlag brachten die Aufständischen, die in Nordafghanistan bis dahin ironischerweise selbst relativ wenig aktiv gewesen waren, die Deutschen zu so etwas wie einer Reaktion. Zum ersten Mal wollte der schüchterne Junge auf dem Schulhof zurückschlagen. Fortan wurden Fallschirmjäger eingesetzt, um die Taliban gar nicht erst zum Zuge kommen zu lassen - und nicht wie sonst üblich, erst auf den Knall zu warten. 

 

Marine nimmt Seeräuber fest: In den Einsatzgebieten der Bundeswehr hat sich die Lage seit letztem Jahr verändert.

Auch im Golf von Aden beweist die Bundeswehr so etwas wie Stärke. Gegen Piraterie wird unerwartet konsequent vorgegangen, somalische Seeräuber werden notfalls auch getötet. Und im Afghanistan des Jahres 2009, wo man sich bis vor kurzer Zeit noch hauptsächlich durch das Bohren von Brunnen und Bauen von Brücken hervortat, erlebt das verblüffte Deutschland zum ersten Mal in seiner bundesrepublikanischen Geschichte, dass es nicht nur auf dem Papier in der Lage ist, Krieg zu führen. Doch was wir können, und was wir wollen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Bundesregierung zum Beispiel übt sich in einer Taktik der kleinen Schritte. 

Die Einsatzvorschriften der Bundeswehr hat man auf ein beinahe ver- nünftiges Niveau gelockert - von einer bedarfsgerechten Stationierung der Truppen, beispielsweise in Südafghanistan, will man aber nichts wissen. Während man kaum beim Namen nennen mag, dass in Afghanistan ein Krieg mit deutscher Beteiligung stattfindet, verleiht man sogar schon Tapferkeitsorden. Im bislang einzigen Fall allerdings an Soldaten, die unter Lebensgefahr Verwundete aus einem brennenden Fahrzeug geborg- en haben - zwar ein Ausdruck bewundernswerten Mutes, aber Mutes in einer Form, mit der man sich auch als pazifistischer Otto Normalver- braucher problemlos identifizieren kann. 

Wird man jenen Orden auch Soldaten verleihen, die einen besonders mutigen oder erfolgreichen Angriff durchgeführt und Tapferkeit im aus- schließlich militärischen Sinne gezeigt haben? Was uns zu den jüngsten Ereignissen bringt: Der Nacht des 4. September, jener Nacht der vielen, unbeantworteten Fragen, jener Nacht, die der skizzierten Entwicklung Deutschlands einen schweren Dämpfer versetzt haben könnte. 

Obwohl nach wie vor die Faktenlage für die Bundeswehr steht, hat eine fehlerhafte Informationspolitik des Verteidigungsressorts und die Herab- setzung des Völkerrechts zugunsten selbstherrlicher deutscher Moral zu einer Neuinterpretation des Bombenangriffs auf zwei von Aufständischen entführte Tanklaster geführt. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der den Angriff zuerst noch als „angemessen“ bezeich- net hatte, hat zwischenzeitlich die Absetzung eines Ministers, eines Staatssekretärs und des höchsten Generals herbeigeführt. 

Doch auch hier zeigt sich: Berlin will einen Wandel herbeiführen, ein Umdenken. Zu Guttenberg hat sich unter Inkaufnahme erheblicher poli- tischer Querelen hinter den Oberst gestellt, der den Befehl für das Bombardement gegeben hat. Er „kusche“ vor der Truppe, lästert Der Spiegel. Nein, zu Guttenberg kuscht nicht, er ist konsequent. Den Fehler, den er gemacht zu haben glaubt, gesteht er ein. Sich hinter den Offizier zu stellen, der angesichts einer in fünfzig Jahren bundesrepublikanischer Militärgeschichte nie da gewesenen Bedrohungssituation eine verhängnis- volle Entscheidung getroffen hat, bewertet zu Guttenberg dem Himmel sei Dank nicht als Fehler. 

Die Provinz Kunduz ist längst nicht mehr ein beliebiges Fleckchen Land in Nordafghanistan. Häufig umkämpfte Gebiete im Süden und Westen nennen die deutschen Soldaten „Talibanien“, sie spotten gar, ihre Großväter wären in deren Krieg „nie so weit nach Osten“ gekommen. Mit Sarkasmus reagieren sie auf den Schock, den die Taliban ihrem kriegsunerfahrenen Land in einem wenige hundert Quadratkilometer großen Gebiet beige- bracht haben. Neun Gefallene und 76 Verwundete hat die Bundeswehr seit Beginn der heißen Phase dort zu beklagen gehabt, dutzende Spätgeschädigte durch PTSS nicht eingerechnet. Bei Kampfhandlungen mit Beteiligung der Bundeswehr sind seit dem Frühsommer fast 500 Feinde getötet oder verwundet worden. Und auch Zivilisten kamen ums Leben: Nicht nur beim Luftschlag Anfang September, sondern auch schon davor - an Checkpoints und Straßensperren.

 

Deutsche Soldaten im Gefecht in Chahar Darreh: In dem rebellischen Distrikt trifft man auf die neuartige Situation, nicht nur feindlichen Kämpfern, sondern auch einer zunehmend feindlich gesinnten Bevölker- ung gegenüber zu stehen. 

Aber reagierte man in Deutschland „nur“ mit Ratlosigkeit auf die eigenen Verluste, so brachte die Erkenntnis, dass deutsche Soldaten Feinde und unabsichtlich auch Zivilisten töteten, schieres Unbehagen mit sich. Umso unpassender ist es, dass sich diese Woche der steinige Weg der politischen Zukunft Deutschlands mit dem leichten kreuzt. US-Präsident Barack Obama erklärte in einer Rede an die Nation, dass er ungeachtet einer neuerlichen Truppenaufstockung schon recht bald mit einem Abzug beginnen will. 

Es steht zu befürchten, dass Berlin wieder auf den leichten Weg ein- schwenkt, auf einen Weg, auf dem man nicht darüber nachdenken muss, dass Fehler und Kollateralschäden von Anfang an zu erwarten waren. Am 28. Januar findet die Afghanistan-Konferenz der Truppensteller statt. Nach ihr will die Regierung ihren künftigen Kurs bekannt geben. Dann wird sich zeigen, ob Angela Merkel und ihre Minister eine Politik der Stärke wollen, oder die Zaghaftigkeit ihrer Wähler hegen werden.

Weiterblättern: Illegale Schächtung in Trier: Wenn der Islam wichtiger ist als das Gesetz

>>>Zum Seitenanfang
>>>Zur Hauptseite

| Bislang 2 Kommentare

Türkei will trotz antiwestlichem Kurs in die EU…

06.11.2009

…und damit an die reich gefüllten Futtertröge in Brüssel, nicht wahr? Denn um viel mehr scheint es Ankara nicht zu gehen. Zwar drängten unlängst Präsident Abdullah Gül und Außenminister Ahmet Davutoglu auf eine rasche Aufnahme der Türkei in die EU, zu der es „keine Alternative“ gäbe; Sie sei von strategischer Bedeutung für den Westen, da die Türkei das Bindeglied zur islamischen Welt darstelle. Doch ungeachtet dessen ist der Kurs der türkischen Regierung zunehmend antiwestlich. 

Sehr zum Ärger westlicher Regierungen hat die Türkei, die NATO-Mitgliedsstaat ist, unlängst gemeinsame Militärmanöver mit Syrien angesetzt. Dies stellt für Damaskus eine massive Aufwertung dar und außerdem eine Annäherung, die die NATO sicherlich nicht wollte. Die Türkei zieht damit die Ernsthaftigkeit ihres eigenen Angebots in Zweifel, denn vor dem Hintergrund ihrer Politik ist anzunehmen, dass Ankara und Brüssel in Bezug auf die islamische Welt keinen gemeinsamen Nenner finden würden. 

Zu allem Überfluss hat die türkische Regierung auch noch den sudanesischen Staatschef Omar el Baschir nach Istanbul eingeladen. El Baschir wird mit Internationalem Haftbefehl für die Verbrechen seiner Milizen in der sudanesischen Hungerregion Darfur gesucht. In Ankara hieß es vorsorglich, el Baschir folge einer offiziellen Einladung und es erscheine daher „nicht angebracht“, ihn festzunehmen. Auch hier handelt die Türkei konträr zur Politik der Union.

Warum also sollten wir uns so einen Klotz ans Bein hängen wollen? Die EU krankt an allen Ecken und Enden, das Letzte, das wir jetzt brauchen, ist eine infrastrukturell instabile und landwirtschaftlich geprägte Volks- wirtschaft von dieser Größe. Das Letzte, das wir jetzt in der EU brauchen, ist ein Akteur, der „auf Teufel komm raus“ für moslemische Minderheiten in Westeuropa Lobbyarbeit betreibt. Das Letzte, das wir jetzt brauchen, ist ein EU-Mitglied, das die ohnehin kümmerliche Handlungs- fähigkeit der Union im islamischen Raum massiv beschränkt.

Weiterblättern: Wenn Barbaren über Barbaren urteilen

>>>Zum Seitenanfang
>>>Zur Hauptseite    

| Bislang 4 Kommentare

Bombenangriff in Kundus: Überbordendes Unwissen

07.09.2009

Nachtrag: Einen aktualisierten Faktencheck (13-12-09) gibt es hier. 

Der in der Nacht des dritten September im afghanischen Kundus von der Bundeswehr befohlene Bombenangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen hat den von den Regierungsparteien Union und SPD am liebsten totgeschwiegenen Afghanistankrieg vollends in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die halbe Welt, darunter auch namhafte Politiker aus dem Ausland und Afghanistans Präsident Hamid Karsai überschütten die deutsche Militärführung mit Kritik – obwohl bislang ganz offenkundig keiner eine Ahnung hat, was genau passiert ist. 

Presse und Politik sind am Rudern. Dummdreist schreibt die Junge Welt, es sei noch unklar, ob überhaupt Talibankämpfer unter den Toten seien. Die Süddeutsche lästert unreflektiert über den deutschen Befehlshaber Georg Klein als „unfähig“. Linke Blogger zerreißen sich erst Recht die virtuellen Mäuler. Der ehemalige WASG-Politiker Daniel Neun von Radio Utopie haut etwas von einem „faschistischen Massenmord“ in die Tasten. Und schon werden sogar Stimmen laut, die den Rücktritt von Verteidigungsminister Jung fordern.

Zu widersprüchlich sind die verfügbaren Angaben, zu widersprüchlich die Presseberichte, zu widersprüchlich die Absichten der einzelnen Akteure - nicht zuletzt die der amerikanischen ISAF-Führung unter General Stanley McChrystal, der eine absolut undurchsichtige Politik betreibt und augenscheinlich versucht, alle Schuld auf die Deutschen abzuwälzen. Nachstehend sollen deshalb einige Fakten in einer Chronologie der Ereignisse festgehalten werden. 

Donnerstag, 03.09.2009, 21:12 Uhr: Die Bundeswehr erfährt, dass Talibankämpfer an einer Straßensperre zwei Tanklastwagen entführt und deren Fahrer an Ort und Stelle durch Enthauptung ermordet haben. Da Hinweise vorliegen die Taliban könnten mit einer VBIED (vehicle born improvised explosive device, Fahrzeuggestützte improvisierte Bombe) eine afghanische Polizeistation oder sogar das PRT angreifen, werden Gegenmaßnahmen eingeleitet.  

Donnerstag, 03.09.2009, 23:14 Uhr: Ein amerikanischer Bomber vom Typ B-1B Lancer macht die Tanklastwagen 6 Kilometer südwestliches des PRT Kundus in einer Furt des Kundus-Flusses aus. Die Piloten melden die Sichtung einer großen Menschenmenge mit vielen bewaffneten Personen.

Donnerstag, 03.09.2009, 23:29 Uhr: Die B-1B dreht ab, um aufzutanken.

Donnerstag, 03.09.2009, 23:49 Uhr: Zwei amerikanische Jagdbomber vom Typ F-15E Strike Eagle treffen über Kundus ein. Sie kreisen über den in der Furt liegen gebliebenen Tanklastwagen und funken Livebilder ins Lagezentrum des PRT. Eine vom PRT-Kommando als „sehr zuverlässig“ eingestufte Quelle bestätigt, dass es sich „ausschließlich“ um bewaffnete Personen handelt. Die Glaubwürdigkeit seiner Angaben wird durch die namentliche Nennung von vier sich angeblich vor Ort befindlichen Taliban-Anführern untermauert, die später tatsächlich in dem Bombardement sterben. 

Freitag, 04.09.2009, 01:39 Uhr: Nach Abschätzung der Lage erteilt der Kommandeur des PRT, Oberst Georg Klein, den Piloten die Genehmigung, die Tanklastwagen anzugreifen. 

Das sind die einzigen bisher belastbaren Fakten.

Strittig ist allerdings die Zahl der zivilen Todesopfer, die zwischen 0 und etwa 40 schwankt. Die Bundeswehr räumt mittlerweile zwar ein, dass Zivilisten zu Schaden gekommen sein könnten, spricht aber nicht von Toten. Ein Untersuchungsteam berichtet laut der Washington Post von etwa 24 toten Zivilisten bei einer Gesamtzahl von 135 Todesopfern. Andere Angaben gehen von 56 toten Aufständischen und 40 toten Zivilisten aus. ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal hat entgegen anderslautender Behauptungen in der Presse nicht zugegeben, dass Zivilisten getötet worden seien. 

Bei der Beurteilung der Lage gilt es allgemein zu beachten:

1. Die Angaben der Taliban zu jedweden Ereignissen in Afghanistan sind in der Regel maßlos übertrieben und verfälscht. 

2. Die Angaben der ausländischen Truppen sind lagebedingt auch nicht immer korrekt oder bisweilen bewusst verzerrt. 

3. Die Angaben afghanischer Behörden stützen sich hauptsächlich auf Zivilpersonen oder Funktionäre vor Ort. Erstere übertreiben nachweislich bisweilen Opferzahlen, um Kompensationen zu erhalten, Letztere gelten oftmals als korrupt oder voreingenommen.

Es lohnt sich aber auch eine gesonderte Betrachtung einzelner Aspekte: 

1. Der Angriff fand um zwei Uhr nachts statt. Nach einhelliger Meinung lokaler Offizieller und von Bundeswehrsoldaten mit Ortskenntnis ist das keine Zeit, zu der sich Zivilisten aus dem Haus begeben hätten. Zwar könnte sich durch den vom Fastenmonat Ramadan bedingten geänderten Tagesablauf erklären, dass Zivilisten zu jener Stunde noch wach waren. Doch die Furt, an der der Luftschlag erfolgte, liegt vier Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Berichte von angeblichen zivilen Opfern, sie hätten Lärm gehört und seien nachsehen gegangen, können deshalb als unglaubwürdig gelten. 

2. Die Taliban haben in der Vergangenheit oftmals Personen zur Bildung menschlicher Schutzschilder gezwungen. Ob hier ein menschliches Schutzschild um die liegen gebliebenen Lastwagen erzwungen wurde, ist zwar nicht belegt. Allerdings bestätigt die Tatsache die These, dass die Taliban auch bewusst Zivilisten in Gefahr gebracht haben könnten.

3. Nach eigenen Angaben hätten die Taliban die Menschen aus der nahen Ortschaft dazu aufgerufen von den Tanklastwagen Benzin abzuzapfen, um sie so wieder flott zu bekommen. Zeugen berichten aber auch, dass die Taliban sie mit vorgehaltener Waffe zur Mithilfe gezwungen hätten.

4. Die Bedrohung durch eine so genannte VBIED ist real. Mehrfach wurden diese fahrenden Bomben von den Taliban oder Aufständischen im Irak verwendet. 

5. Die Online-Tagesschau präsentiert als Beweis für die mögliche Schädigung von Zivilisten ein Foto vom Ort des Geschehens, das einen Eselkadaver und gelbe Plastikkanister zeigt – keine zwanzig Meter von den Lastwagen entfernt. In Anbetracht der Explosionswirkung der abgeworfenen Bomben, die durch die vielen tausend Liter Treibstoff in den Tanks nur verstärkt wurde, und den schweren Brandwunden der gefundenen Leichen, hätte der Kadaver verkohlt und die Plastikkanister geschmolzen sein müssen. 

6. Trotz der internationalen Kritik haben lokale Offizielle das Vorgehen der Bundeswehr verteidigt. Die Washington Post zitiert einen namentlich nicht genannten Beamten, der die Einschätzung, dass viele Zivilisten zu Schaden gekommen seien, überhaupt nicht teilt. Auch der Vorsteher des Provinzrats von Kundus, Ahmadullah Wardak, kritisierte die Bundeswehr als zu lasch gegenüber den Taliban und erklärte gar, weitere Angriffe dieser Größenordnung müssten jetzt folgen um die Stabilität wieder herzustellen. Abu Muqawama berichtet, dass die örtliche Bevölkerung nicht wegen den zivilen Todesopfern verärgert sei, sondern weil die ISAF nicht genug gegen die Taliban unternehme.

7. Der offiziellen afghanischen Untersuchung zufolge sind bereits mindestens 30 der Toten zweifelsfrei als Taliban identifiziert worden. In Anbetracht der schon genannten Argumente, die gegen die freiwillige Anwesenheit von Zivilisten in jener Gegend um jene Tageszeit sprechen, glaubt man, die restlichen Toten seien ebenfalls Talibankämpfer oder deren Verwandte und Freunde. 

Die Art und Weise, wie die Amerikaner zurzeit mit ihren deutschen Verbündeten umgehen, wirft einige Fragen auf. Anscheinend gedenkt McChrystal vor allem, seinen im Sommer verkündeten Kurs, der Zivilisten um jeden Preis schonen soll, als zu hundert Prozent durchgesetzt darzustellen. Die Tatsache, dass sich der ISAF-Kommandeur höchstpersönlich noch am Morgen nach dem Vorfall nach Kundus begeben und einem ausgesuchten Reporter erlaubt hat ihn zu begleiten und geheime Informationen einzusehen, ist ungewöhlich. Die von McChrystal lancierten Details wurden zwischenzeitlich von deutschen Offizieren in selten deutlichen Worten als „Frechheit“ zurückgewiesen. Beobachter mutmaßen, dass der Vorfall und die zeitgleiche Stationierung von über 300 US-Soldaten im deutschen Verantwortungsbereich einen Zusammenhang haben und dass die US-Regierung versuchen könnte, das deutsche Engagement durch Misskredit zu einem Ende zu bringen und in Kundus selbst das Ruder zu übernehmen.

Weiterblättern: Anti-AIDS-Kampagne: Selbst da wird gegutmenschelt 

>>>Zum Seitenanfang
>>>Zur Hauptseite

| Bislang 10 Kommentare